Studie: Nachhaltige Individualmobilität und die Zukunft der Elektrofahrzeug-Technologie

Unternehmen und Markt

wpc_studie_elektrofahrzeuge_2008Studie belegt Aufwärtstrend von Elektrofahrzeugen, es wurden die Daten über einen 1,5jährigen Zeitraum ausgewertet. Marktbeobachter gehen von - branchenunüblich - schneller Einführung von Elektrofahrzeugen aus. Rein batteriebetriebene Elektrofahrzeuge werden mittelfristig Hybridfahrzeuge ablösen, ergab eine Studie der beiden auf den Themenbereich nachhaltige Mobilität spezialisierten Beratungsbüros Perraudin Konzept (Hannover) und Warnstorf & Partner Consulting (Bremerhaven).

„Fast alle befragten Akteure gehen davon aus, dass nicht Hybridfahrzeuge (heutiger Bauart) sondern überwiegend batteriebetriebene Elektrofahrzeuge das Rennen im Wettlauf der zukünftigen Individualmobilität machen werden. Die Rede ist vom schnellsten Innovations- und Markteinführungszyklus der Automobilgeschichte. Der Transformationsprozess wird nach Einschätzung der meisten Akteure bereits ab 2010/2011 zu Serienproduktionen beachtlicher Stückzahlen führen.


Innerhalb der nächsten 10 Jahre erscheint eine breitbandige Marktpräsenz möglich. Brennstoffzellenfahrzeuge spielen nach übereinstimmender Meinung innerhalb des genannten Zeitfensters keine Rolle", erklärt einer der beiden Autoren Luc Perraudin.

„Zudem gehen die meisten Marktbeobachter davon aus, dass über die Zukunft des Elektroautos weniger die technische (Komponenten-)Entwicklung als vielmehr die Produktakzeptanz und damit zusammenhängend die Marketingstrategie entscheiden wird“, so Mitautor Jörg Warnstorf.

Ebenso erstaunlich ist laut Aussagen des Autors in welchem Maße die aktuelle Biokraftstoff-Diskussion die bislang unter den Verbrauchern und in der Automobilbranche kaum geführte Klimadebatte angefacht hat. Mit allerdings unerwarteten Bewertungen. So gibt die Mehrzahl der Befragten - auf die Frage: „Verkehr ist der drittgrößte CO2-Emittent weltweit. Wie kann hier wirksam gegengesteuert werden“ - an: Durch Ergreifen wirksamer Lenkungsmaßnahmen in den Schwellenländern – insbesondere in China und Indien. Erst auf den Folgeplätzen landet: Spritsparende Motoren, leichtere Autos und grundsätzlich andere Fahrzeug-/Antriebstechnik.

Die Verdrängung der heutigen Hybrid-Fahrzeugtechnik durch Elektrofahrzeuge ist nach Ansicht der befragten Experten u.a. durch folgende Momente beeinflusst:

Grundsätzliches: Die meisten Entwicklungs-Fachleute gehen davon aus, dass der Parallelhybrid (Hauptarbeit: Verbrennungsmotor - Nebenarbeit: E-Motor) nur eine Übergangstechnologie zum reinen Elektrofahrzeug darstellt.

• Der Technologievorsprung der Japaner sei so groß, dass sich Großinvestitionen in die Hybridtechnologie für Europäische und Amerikanische Automobilkonzerne schlicht nicht mehr rechne.
• Der hochkomplexe Parallelhybrid-Antrieb sei zu teuer und schlicht zu schwer.
• Die von der Weltklimapolitik geforderten Klimaschutzvorgaben könnten von der heutigen Hybridtechnik nicht erfüllt werden.

Für den Wettlauf mit den darüber hinaus konkurrierenden Technikfelder: Multifuel-Motorentechnik, Brennstoffzellen- und Gasmotoren-Technik gilt:

• bedingt durch die aktuell rasant wachsende Sensibilisierung der Öffentlichkeit (siehe u.a. UN- und IWF-Bericht) ist eine schnelle Markterschließung von Biosprit versorgten Fahrzeugen sowie eine breite Substitution von Benzinprodukten durch Kraftstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen eher unwahrscheinlich geworden. Ausnahmen stellen Länder dar, in denen diese Art Kraftstoffversorgung bereits eine breite Vertriebs-, Vermarktungs- und Akzeptanzbasis haben (z.B. Brasilien)
• nachdem die Automobilindustrie ihre selbst gesteckten Ziele in Sachen Brennstoffzellenantrieb (BZA) immer wieder nach hinten verschoben hat und mittlerweile überhaupt keine Zeitfenster mehr für eine Serienfertigung benannt werden, ist in dieser Techniksparte - nach Ansicht der meisten Marktbeobachter - nicht von einer schnellen Markteinführung auszugehen.
• der nur schleppend vorangehende Infrastrukturaufbau, die überwiegend handwerklich dürftig implementierte Technik, sowie die außerordentliche Belieferungsunsicherheit im Gassektor wird nach Auffassung der meisten Fachleute dazu führen, dass der Anteil der Gasfahrzeuge auch zukünftig (deutschland- und weltweit gesehen) eher marginal bleiben wird. Überwiegend positiv wird jedoch die Emissionsarmut bewertet.

All dies, sowie eine ganze Reihe von umwelt- und klimarelevanten Gründen, scheinen der sich aktuell, außerordentlich schnell entwickelnden Elektro-Fahrzeugtechnologie in die Hände zu spielen.

Dass es Stückzahl relevant, auf breiter Fläche, zur Einführung eines reinen Elektro-Fahrzeuges kommen wird, ist Konsens unter den Vertretern der Automobilkonzerne ebenso wie - erwartungsgemäß - auf Seiten der vielen, zumeist mittelständischen, Elektro-Fahrzeugunternehmen weltweit.

Dass dieser Prozess überraschend schnell ablaufen wird, ist die darüber hinaus übereinstimmende Einschätzung der meisten Fachleute innerhalb und außerhalb der Automobilkonzerne.

Dies wird unter anderem wie folgt begründet:
• die technischen Voraussetzungen seien weitgehend erfüllt
• Unproblematische Energieversorgung
• Nur Elektro-Fahrzeuge wären kompatibel zu den sich beständig verschärfenden umwelt- und klimarelevanten Anforderungen (insbesondere solange der Strom regenerativ erzeugt wird - hier sehen die Befragten, hinsichtlich der Klärung, wie der nötige Strom bereitgestellt werden soll, auch noch den meisten Diskussions- und Klärungsbedarf)


Gelingt z.B. das Projekt Agassi / Renault-Nissan in Israel und Dänemark, wird die Veränderung auf dem Markt der zukunftsfähigen Individualmobilität wie ein Gewitter über die weniger innovativen Automobilkonzerne hinwegfegen. Dann wird man die gleichen Schlagzeilen in der Wirtschaftspresse lesen, die immer wieder zu lesen sind, wenn über unbewegliche Industrie-Dinosaurier berichtet wird, die vom Sturm der Neuerungen weggeblasen wurden. Und die Veränderung könnte in einer für die Automobilindustrie außergewöhnlichen Geschwindigkeit von statten gehen.

Aus diesem Grund gehen die meisten Fachleute auch davon aus, dass der konzeptionelle Faktor letztendlich entscheidend sein wird. Während die eher konventionell agierenden Automobilkonzerne davon ausgehen, dass eine Substitution des Verbrennungsmotors durch einen Elektro-Motor vorerst ausreicht (deshalb auch der hochkomplexe Umweg über den technisch aufwendigen Parallelhybrid), gehen die jungen, aufstrebenden Elektro-Fahrzeugpioniere und viele Hochschul-Forschungsinstitute davon aus, dass ein Elektro-Fahrzeug völlig neu konzipiert werden muss. Letzteres in die Tat umgesetzt würde auch bedeuten, dass eine Entkopplung der Elektro-Fahrzeug-Entwicklung und -Produktion von den traditionellen Automobilherstellern möglich wird. Schon deshalb wird ein fruchtbarer Technik- und Konzeptwettbewerb stattfinden und zusätzliche Beschleunigungselemente in die Entwicklung bringen und einer rasanten Verbreitung von Elektro-Fahrzeugen weltweit weiteren Vorschub leisten.

Als besonders innovativ erweisen sich hier, neben der kapitalstarken Szene in den USA die Elektro-Fahrzeugschmieden in der kleinen Schweiz. Hier sind (neben einigen Ing.-Büros in Großbritannien) die kreativsten Entwicklungsbüros beheimatet. Gemeinsam mit einer großen Anzahl äußerst flexibler und gut ausgerüsteter Forschungs-/Hochschulinstituten, sind sie dabei, die Schweiz zu einer Brutstätte für zukunftsweisende Elektro-Fahrzeugentwicklung zu machen. Daneben wurden in der Schweiz – ohne viel Marketing-Getöse – lange bevor es zur viel zitierten Allianz von Agassi / Renault-Nissan kam, intelligente und vorbildhafte Kooperationen zwischen Unternehmern, Entwicklern, Kommunen und Energieversorgern geschlossen.


Nur in einem, allerdings sehr wichtigen Punkt, herrscht Einigkeit zwischen den beiden Lagern: Über die Zukunft des Elektroautos - insbesondere die Geschwindigkeit der breiten Markteinführung - wird weniger die technische Entwicklung als vielmehr die Produktakzeptanz und damit zusammenhängend die Marketingstrategie entscheiden. Ein völlig neues Fahrgefühl muss vermittelt werden. Statt Motorengeheul animiertem Balz- und Prestigeobjekt muss „back to mobility“ vermittelt werden. Zum heutigen Zeitpunkt schwer vorstellbar, wo doch schon die 3-Jährigen auf Bobby-Cars mit knatternden Verbrennungsmotörchen zu potentiellen Käufern erzogen werden. Dass diese Mammutarbeit nur innerhalb einer klugen Allianz fortschrittlicher Unternehmer, kreativen Marketingfachleuten und ganzheitlich arbeitenden Consultants geleistet werden kann, ist Konsens in der Branche.


Klimadebatte in der Automobilbranche und unter Verbrauchern angefacht...

Die aktuelle Biosprit-Diskussion hat dazu geführt, dass auch wirtschaftskonservative Kreise beginnen, sich der klimaseitigen Verantwortungsfrage zu öffnen.

Die klimatisch, energetische Analyse der zukünftigen Entwicklung im Bereich der Individualmobilität erfordert eine nüchterne Herangehensweise, fern jeder ´öko-romantischen´ Sichtweise. So viel auch gegen eine Individualmobilität (insbesondere auf Stand der heutigen Technik) an sich spricht, so nahe liegend und verständlich ist der Wunsch der Rest der Welt, ebenfalls eigenständig mobil zu werden.

Die Autoren gehen jedoch davon aus, dass der Klima-GAU nur dann zu verhindern ist, wenn es zu einer strategisch durchdachten und nachhaltigen Automobilisierung der Schwellenländer - insbesondere Indiens und Chinas - kommt.

Konsequent und realitätsnah zu Ende gedacht erfordert dies wohl eine Wirtschaftsysteminnovation nebst eines veränderten betriebswirtschaftlichen Umfelds. Prädestiniert scheint hier die Form eines Sozialunternehmens zu sein, welches Mobilität mit Energieerzeugung, -Bereitstellung und/oder -Speicherung verknüpft. Letztere könnte auf diese Weise dezentral und regenerativ organisiert werden. Eine der neoliberalen Wirtschaftsweise unterworfene Entwicklung würde über die daraus resultierenden klimatischen und sozialen „Verwerfungen“ wohl zu irreparablen Folgeschäden führen; so die Einschätzung der Autoren.


Die Vollstudie nebst detaillierten Auswertungen aller Befragungen können Interessierte ab 19. Mai 2008 zum Preis von 85 € bei wp consulting (per Mail: studie@warnstorf-partner-consulting.de) bestellen.


Ausgewertet wurden über einen Zeitraum von 1 ½ Jahren: Geschäftsberichte der großen Automobil-konzerne sowie deren Pressemitteilungen, Fachdatenbanken (wie z.B. scirus), Fachzeitschriften (wie z.B. Automobilwoche, automotive news, u.a.) - Fremd- und eigene Studien und Beratungsprotokolle.

In der Umfrage wurden Hochschul-Forschungsinstitute, Entwicklungs- und Planungsbüros, Verbände, Unternehmen und Messe-Fachbesucher (u.a. auf den Fachmessen Energy und Clean Moves 2007 und 2008) befragt. En detail wurden 187 Hochschul-Forschungsinstitute, Entwicklungs- und Planungsbüros, Verbände, Unternehmen sowie 150 Messe-Fachbesucher und 250 Privatpersonen (Kontrollgruppe) befragt.

pdf Referenzen E-Fahrzeuge-Studie Flyer 28/04/2008,19:54 173.61 Kb


(Quelle und Bildmaterial: Warnstorf & Partner Consulting)



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