Gastkommentar zur Automobilkrise: Alles so unerwartet?
Unternehmen und Markt
Dienstag, den 04. November 2008 um 17:25 Uhr
Geschrieben von: Markus Pflegerl
Jahrzehntelang predigten die Fachleute (Prof. Diez, Dudenhöffer, Bratzel und wie sie alle heißen), die Automobilindustrie ist - auch bezüglich ihrer strategischen Ausrichtung - auf dem richtigen Weg. Die großen Unternehmensberatungsfirmen schlossen sich diesem Credo in trauter Gemeinsamkeit ebenso an, wie die neoliberalisierten "Wirtschafts-"Redakteure der (Print-)Medien.
Nur keine Unstimmigkeiten mit den potenten Auftraggebern aus der Automobilindustrie provozieren. Linientreu und mundgerecht lautete die Beratungs- und Berichtstrategie, so es denn eine gab. Dass man sich beständig Rennen auf dem Abstellgleis der Antriebstechnik lieferte und dabei unaufhörlich immer schwerere Spritfresser entwickelte, wollte keiner erkennen.
Doch dann schwenkten im Sturm der Weltfinanzkrise plötzlich die Berater die Fähnchen in eine andere Richtung. Von einem Tag auf den anderen war die Wahrheit von gestern nichts mehr wert.
"Wir stehen am Vorabend grundlegender Veränderungen der Automobilbranche" (so Prof. Bratzel in der Welt am Sonntag v. 26.10.08) und "Jahrzehntelang entwickelte sich die Autoindustrie ruhig und stetig. Jetzt kündigt sich ein Bruch an. Größe, Design, Technik - alles steht zur Debatte. Da wird der Platzhirsch schnell zum Dinosaurier." (so Uwe Jean Heuser im Wirtschaftsteil der ZEIT Nr. 33 vom 07.08.08)
Wer verlässliche Beratungsdienstleistungen und ganzheitliche Zukunftskonzepte sucht muss sich also offensichtlich jenseits der Fähnchenschwenker umsehen. Dafür müsste die Automobilindustrie allerdings bereit sein, die Scheuklappen der Veränderungsverweigerung abzulegen. Erschwerend dazu kommt: Wirtschaft auch Automobilwirtschaft spielt sich mehr und mehr in den realitätsfremden Sphären eines Werner Sinn oder Friedrich Merz ab und wird in den Entscheiderpositionen auch so gedacht.
Technikbegeisterte Querdenker, innovative Forscher und Entwickler, die sich jenseits des Mainstreams bewegen haben es dagegen schwer. Symptomatisch für diese systemimmanenten Probleme: Fachleute aus dem Bereich der Elektromobilität wurden bis vor kurzem noch - allenfalls - belächelt.
Nachdem nun der Neoliberalismus die Finanzwirtschaft an die Wand gefahren hat und auf dem Beifahrersitz die Automobilindustrie mitverunglückt ist, wird nun von allen Seiten Schumpeters "schöpferische bzw. kreative Zerstörung" zitiert. Wohl in der Hoffnung daraus ließe sich der rettende Strohhalm für eine rückwärtsgewandte Automobilindustrie entwickeln. Berücksichtigt man, dass Joseph Schumpeter den Kapitalismus für nicht überlebensfähig hielt, kann man dieser Form des - von Gier und Profitdenken geprägten - Kapitalismus auch nur ein Begräbnis erster Klasse wünschen. Auf dem Weg dort hin sollte man jedoch die Anregungen der UNEP-Initiative "Green New Deal" aufnehmen und dem Patienten Bankenwesen die größte Geldspritze in der Geschichte der Weltwirtschaft nur unter der Maßgabe verabreichen, dass auf breiter Ebene umgesteuert wird. Sozialethisch geprägtes Wirtschaften ist hier ebenso gemeint wie Hungerbekämpfung, nachhaltige Energieerzeugung und Klimaschutz. Auf die Automobilwirtschaft gemünzt kann dies nur eine vollständige Abkehr vom Explosionsmotor bedeuten.
Denn eines muss klar sein: Spätestens 2012 werden sich - bedingt durch die Automobilisierung Chinas und Indiens - 1 Milliarde Autos auf diesem Planeten bewegen. Von dem jedes bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 10 Jahren rund 13.000 Liter Sprit in 30 Tonnen CO2 verwandeln wird. Wir sprechen dann von jährlich 1300 Milliarden Liter Sprit, die verfahren werden und dabei 3 Milliarden Tonnen CO2 produzieren. Um diese Menge Autos in Bewegung zu halten müssen dann nebenbei gesagt 1500 Milliarden Liter Rohöl gefördert werden.
Unumstritten ist, die Krise kam nicht überraschend und sie zeichnete sich seit langem unübersehbar ab. Die aktuelle Finanzkrise hat allenfalls kristallisationsfördernden Charakter. Statt die Krise als Chance zum systemischen Umbruch zu sehen, geben die Lobbyisten der Automobilindustrie zur Stunde in Brüssel alles, um die vermeintlichen ´Vermarktungshemmnisse´ (gemeint sind die Umweltauflagen) aus dem Weg zu räumen. Verbietet man sich ansonsten jedwelche staatliche Einmischung will man nun den Staat darüber hinaus dazu verpflichten, über Subventionen den Fahrzeugverkauf zu ´stimulieren´. Die Keule "mögliche Arbeitsplatzverluste" wird dabei eifrig geschwungen. Auch hier gilt: Für das Versagen der rückwärtsgewandten ´Top-Manager´ soll wieder einmal der Steuerzahler aufkommen.
...und sage nachher keiner, er habe nichts gewusst.
Von Jörg Warnstorf, Geschäftsführer wp consulting
Kommentar schreiben