Gastkommentar zur NPE: Deutschland normiert, der Rest der Welt fährt elektrisch

Politik und Förderprogramme

Nationale Plattform Elektromobilität: Deutschland normiert, der Rest der Welt fährt elektrischIm Rahmen der Bundespressekonferenz hat Prof. Dr. Kagermann, der der Nationalen Plattform Elektromobilität (NPE) seitens der Industrie vorsitzt, den Zwischenbericht der NPE an die Ministerien von Wirtschaft und Verkehr übergeben.

In diesem Zwischenbericht werden erstmals Handlungsempfehlungen für die erfolgreiche Markteinführung der Elektromobilität gegeben. Demnach muss sich Deutschland Mühe geben, wenn es den Vorsprung anderer Länder, wie China, Japan, Korea, USA oder Frankreich, noch aufholen will. Dafür seien jedoch mehr Fördermittel als die, zur Zeit beschlossenen 500 Millionen Euro notwendig. Die NPE hält eine Summe von rund vier Milliarden Euro bis 2013 notwendig. Dabei sollen die Gelder jedoch ausschließlich in die Forschung fließen und der Aufbau der Elektromobilität sollte dabei dem Markt überlassen werden, möglichst ohne den Einsatz regulativer Maßnahmen.

Grundsätzlich ist die Schaffung von Arbeitskreisen auf nationaler Ebene, zusammengefasst als Themen-Plattform, eine progressive und strukturierte Vorgehensweise. Dient sie doch der Bündelung von Kompetenzen und Kapazitäten, um schnell eine höhere Schlagkraft zu zentralen Themen wirtschaftlicher Zukunft zu entfalten. Dies ist mit der Nationalen Plattform Elektromobilität mit der Gliederung in sieben Arbeitskreise zunächst auch beabsichtigt und gestartet. Gleichwohl birgt dies Vorgehen immer auch das Risiko der Abschottung gegenüber notwendiger „freier Radikale“, die Innovationen und Marktpotentiale mit Eigendynamik entwickeln, also der Abschottung gegenüber ungewünschten Mitbewerbern.

Hierzu ein Gastkommentar von Luc Perraudin, Beirat Elektrofahrzeug-Institut:

Mit der sprichwörtlich deutschen Gründlichkeit sind Politik, Spitzenverbände und die Großindustrie dabei, eine kaum vorhanden wahrnehmbare Technologie bereits vorab zu reglementieren, anstelle diese mit dem Stand der heutigen Technik für den Markt bereit zu halten: Elektrofahrzeuge.

Während dies geschieht, drängen im „Rest der Welt“, zum Teil hochsubventioniert, Elektrofahrzeuge auf den Markt, die nicht deutscher Wertschöpfung zuzuschreiben sind und erreichen bspw. so früh die notwendigen Skaleneffekte zur Rekapitalisierung notwendiger Investitionen und startfähiger Geschäftsmodelle, um sich schließlich zum Selbstläufer zu entwickeln – Leitmärkte eben.

So hat beispielsweise die Arbeitsgruppe „Normung, Standardisierung und Zertifizierung“ in diesem Rahmen der NPE die sogenannte „Deutsche Normungs-Roadmap Elektromobilität“ erarbeitet. Vorsitzender dieser Arbeitsgruppe ist Michael Dick, Mitglied des Vorstands der AUDI AG, Geschäftsbereich Technische Entwicklung.

Sicher sind Standardisierungen und Normierungen elementar wichtige Schritte zur technologischen Reifung und zur Massentauglichkeit, doch sollte zur Einführung einer neuen Technologie auch der so genannte „Mut zur Lücke“ gehören, d.h., nicht auf Anhieb über sämtliche denkbare Regelungen verfügen zu müssen.

Steht hinter dieser deutschen Gründlichkeit nicht vielmehr auch die Motivation, den inzwischen sehr dynamischen Prozess hinauszögern, ja kontrollieren zu wollen und Verunsicherung in der Bevölkerung auszulösen, sich auf absehbare Zeit nicht auf die Elektromobilität einzulassen?

Erst Standardisieren und Normieren, dann im großen Stil produzieren: handelt es sich hierbei um eine Verzögerungstaktik, um die im wahrsten Sinne des Wortes von der Politik und der deutschen Automobilindustrie ignorierten Jahrzehnte wieder aufholen zu wollen?
Auf diese Weise lässt sich Zeit gewinnen, mit kleinen, kaum in der Öffentlichkeit wahrnehmbaren, aber sehr kostspieligen Pilotvorhaben, ein elektromobiles Feigenblatt pflegen, ohne dass gleich der elektromobile Funken auf die Bevölkerung über springen muss.

Tatsächliche Technologieführer, die in zahlreichen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) der Schweiz, Österreichs aber auch Deutschlands zu finden sind und über Jahrzehnte mit hoher Innovationskraft und finanziellem Risiko auftraten, sucht man dagegen in den Entscheidungs-Gremien einer zukünftigen Schlüsseltechnologie eher vergeblich. Dies, obwohl gerade diese KMU bekannterweise das Gros der Arbeitsplätze, insbesondere in Deutschland, verantworten und das Exportland Deutschland zu dem machen was es ist. Kleinere Innovationsschmieden werden so erfolgreich auf Distanz gehalten.

(mk/wattgehtab.com)


Kommentare 

 
+1 #1 2010-12-01 14:40
Handlungsempfeh lung der Industrie: "Gebt uns die Kohle!"

Ein Schelm wer dabei laut lacht...
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