Zwei sportliche Briten, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Und doch gibt es mehr Verbindendes als Trennendes. Der Lotus Elise, unter Strom gesetzt von Tesla Motors in Kalifornien, und der Inbegriff des englischen Ur-Roadsters der wilden 60er Jahre mit konventioneller Verbrennungsmaschine. Der klimafreundliche Tesla und der, für damalige Zeiten, saubere Verbrenner – wer ist hier die Schöne und wer das Biest? Wir haben die beiden auf die Probe gestellt. Wir, das sind Marc Kudling, Fachautor des Elektromobilität-Portals wattgehtab.com und Lenker des Ökoboliden des ElektroFahrzeug-Instituts und Thomas Borowski, Autor dieser Zeilen und TR-Eigner.
Ein heller Novembermittag, kein Regen. Marc rollt geräuschlos vor meine Garage und wirft den Stecker raus, um Strom zu zapfen. Er kommt von Viersen zu mir nach Bochum. 70 km Reichweite zeigt die Ladeanzeige des Tesla – zu wenig, finde ich. Vier mal fliegt meine Haussicherung raus – verflucht, ich hab nur 'ne 16 Ampere-Dose. Dann halt los, ehe es dunkel wird. Marc tauscht das Lenkrad, steigt in meinen 5er und kommt sofort mit der bewährten Technik von vorgestern klar. Den gewohnten Sicherheitsgurt vermisst er zwar schmerzlich, doch die Scheu legt sich schnell. Mich nervt beim Einsteigen der Piepton des Tesla, mit dem das Auto an die offen stehende Fahrertür erinnert, oder war`s das Licht?
Solcherlei Gimmicks, die niemand braucht, gibt`s einige. Der Zündschlüssel will nicht nur ins Schloss gesteckt, sondern auch sanft und an der richtigen Stelle gedrückt werden, sonst läuft der Motor nicht. Und auf die Bremse muss ich treten, sonst fährt er nicht los - ist doch logisch, oder? Ist ja`n Automatik-Sportler. Im Stand höre ich gar nix, nur das Geräusch des Blinkers. Erst beim Tritt auf’s Gas-, pardon auf’s Strompedal gibt’s Sound. Der E-Motor im Heck summt wie eine Turbine, die Beschleunigung ist ein Kick der besonderen Art.
Der leise pfeifende Elektromotor (288 PS) des Tesla tritt an gegen den behäbig blubbernden Reihen-Sechszylinder (142 PS), der den TR 5 PI befeuert. Doppelte Leistung, doppelte Beschleunigung: Von 0 auf 100 vergehen im Tesla knapp 4 Sekunden, der Triumph braucht – wen wundert`s – endlose 8,5 Sekunden.
Zügig bewegen wir uns durch den Bochumer Stadtverkehr hinaus in den grünen Süden, an die Ruhr. Doch auf der Königsallee, unweit des Kulturtempels Schauspielhaus, ist erst mal Schluss. Vor einer roten Ampel halten wir, bei Ampelgrün ziehe ich im Tesla los, der Triumph hat keine Chance. Er bleibt nämlich einfach stehen, sehe ich im Rückspiegel. Ich wende, halte auf dem Gehweg. Marc und ich schieben den störrischen Briten um die Ecke an den Straßenrand. Ein Streifenwagen stoppt, zwei freundliche Polizistinnen bieten ihre Hilfe an. Danke, Ladies, das kriegen wir hin, sage ich überzeugt. „Der Motor ging einfach aus. Ich hab nix gemacht, wirklich“, beteuert Marc. Oh wie peinlich, ich schäme mich.
30 Minuten später ist der Fehler gefunden: Die Zündkerzen kriegen keinen Saft! Der TR ist kein Elektromobil, aber ohne Elektrik läuft auch er nicht. Mit einem neuen Ersatz-Zündfinger, der im Kofferraum bereitliegt, springt der smarte Triumph sofort wieder an und bollert seine gemütlichen 800 Umdrehungen im Stand. Merke: Ohne Strom kein Zündfunke, ohne kraftvolle Elektrik kein Vortrieb – egal ob im Hightech-Roadster aus dem sonnigen Silicon Valley oder im Lowtech-Sportler aus dem verregneten Coventry.
Endlich geht`s weiter, die zweispurige Kö hinaus zur wunderschönen, historischen Wasserburg Haus Kemnade. Unterwegs zu den alten Rittersleut` fahren wir kein Wettrennen, sondern genießen die Frischluft bei niedrigen Plustemperaturen und moderater Geschwindigkeit. Tesla oder Triumph – das ist keine Glaubensfrage. Diese beiden Prachtexemplare stellen vom Fahrverhalten her noch nicht einmal große Gegensätze. Zwei Welten, ein Gedanke: Autos, die puren Fahrspaß verbreiten! Zeitgemäße Einzelradaufhängung und Heckantrieb zum flotten Kurvendriften haben sie beide. Der Tesla-Fahrer fährt Eingang-Automatik (D, N, R), der schaltfaule Triumph-Pilot nutzt den Overdrive des perfekt abgestuften 4-Gang-Getriebes.
Exklusiv sind sie beide: Vom klimafreundlichen und 128.000 Euro teuren Tesla wurden bisher 1200 Autos gebaut, vom raren TR 5 PI ganze 2900. Heute sind überlebende Exemplare (Wert im Bestzustand: 43.000 Euro) seltener zu finden als drei Richtige im Lotto. Als der zweisitzige Triumph mit der legendären Lucas-Benzineinspritzung 1967 und 1968 in Coventry vom Band rollte, jubelten die Stones „Let`s spend the Night together“ und Satchmo Armstrong schwärmte „What a Wonderful World“. Zum Start des Tesla zwischen 2006 und 2008 schmachtete James Blunt „You`re beautiful“ und Lady Gaga besang das „Poker Face“.
Seien wir ehrlich: Welches Auto besser, vernünftiger oder liebenswerter ist, bleibt nach diesem Vergleich offen. Gute Argumente für beide Roadster gibt es jedenfalls zuhauf. Und ein Pokerface zeigen beide, wenn sie uns mit ihren Frontscheinwerfern anblinzeln oder mit ihrem perfekt gerundeten Hintern in den Bann ziehen.
Reichweite
Gewicht
Wendekreis und Übersichtlichkeit
Stauraum
Flirtfaktor
Fahrverhalten
Max. Drehmoment
Umweltbilanz
Die Politik macht Kfz-Steuern vom CO2-Ausstoß abhängig, nicht vom ebenfalls stark gesundheitsschädlichen Diesel-Feinstaub, von Stickoxiden und Kohlenmonoxid. Wie hoch ist der Energieaufwand, den die Herstellung eines Neuwagens verschlingt? Was ist mit der Produktion der Aluminium- oder Karbonfaser-Karosserie des Tesla? Wie umweltverträglich ist die Gewinnung und Verarbeitung dieser Stoffe? Wie umweltfreundlich werden die Lithium-Ionen-Batterien hergestellt und entsorgt? Wie schaut es rund um die Minen aus, die den notwendigen Rohstoff liefern?
Für die Produktion eines Autos entstehen beim Hersteller bisher etwa 800 kg Abfall, bei den Zulieferern weitere 1.300 kg. Werden Rohstoffgewinnung mit Bergbau und Verhüttung eingerechnet, so verursacht jedes Automobil etwa 25 Tonnen Müll, das 20fache seines Eigengewichtes. In jedem Auto sind durchschnittlich 1 t Stahl, Kunststoffe (hergestellt auf Erdölbasis, Naptha), Gummi, Glas, Leichtmetalle und Legierungen verarbeitet. Aufgrund der Materialvielfalt und des hohen Kunststoffanteils können Rohstoffe aus Auto-Wracks nur teilweise zurückgewonnen werden (Recycling). Hinzu kommen Batterien, egal ob konventionelle Starterbatterien oder Lithium-Ionen-Batteriepacks (Entsorgung), Altreifen, Altöl und Schmierstoffe. Ferner werden bei der Produktion in der Autoindustrie für den Menschen schädliche Schadstoffe freigesetzt. (Quelle: KATALYSE Institut für angewandte Umweltforschung, Köln)
Der Strom, der Elektrofahrzeuge so „umweltfreundlich” macht, kommt aus der Steckdose. 84 Prozent des Stroms wurden 2009 in Deutschland aus Braun-, Steinkohle und Kernenergie erzeugt. Alle drei Energieträger trüben die Bilanz von Elektroautos und das gute Gewissen des Stromfahrers im Tesla. Trotzdem ist sicher, dass dieser Roadster unterwegs überhaupt keine Schadstoffe rausbläst und null Lärm macht. Echt sauber.
Marc, der außerdem für das Elektrofahrzeug-Institut in Hannover arbeitet, bemerkt hier natürlich richtig, dass bereits irrsinnig viel Energie verbraucht wird, bevor aus dem kostbaren Erdöl überhaupt Sprit an der Tanke wird. Und dass Elektromobilität zusammen mit regenerativ erzeugtem Strom am sinnvollsten ist, versteht sich von selbst.
Dennoch ist auch ein klassisches Fahrzeug wie der Triumph TR 5 PI mit seiner sparsamen Lucas-Benzineinspritzung eigentlich sehr klimafreundlich. Wegen des immensen Energie- und Ressourcenaufwands ist es immer richtig, einen Gebrauchtwagen weiterzufahren, weiß Prof. Eckard Helmers vom Umwelt-Campus der Fachhochschule Trier (zitiert nach utopia.de). Erst recht fällt die Bilanz positiv aus, wenn das Auto vor mehr als 40 Jahren gefertigt wurde und die Produktionsenergie längst wieder eingefahren hat. So gesehen ist der zeitlos schöne und vernünftige Brite der 60er Jahre ein echtes Auto fürs 21. Jahrhundert.
Thomas Borowski/boro-Media